[DE] Nothing else
Yuriy Gurzhy
Vedrammt, wie viele Ausgänge hat denn diese U-Bahn-Station?! Ehrlich gesagt habe ich es nie gewusst, nicht einmal in den Jahren, als ich hier lebte – und heute bin ich auch nicht schlauer…
Seit Beginn der Vollinvasion dauert die Reise aus Berlin nach Charkiw sechsunddreißig Stunden. Vor vierzig Minuten angekommen, habe ich mich gegen das Taxi und für die U-Bahn entschieden. Oben nehme ich – natürlich – den ungünstigsten Ausgang und stehe plötzlich vor dem Puppentheater. Kein Drama, gäbe es da nicht den schweren, hinkenden Koffer, dem kürzlich eines seiner vier Räder abhandenkam.
Ich schleppe ihn langsam an zwei jungen Frauen vorbei, die mit einer uralten analogen Kamera kämpfen. Was mögen sie wohl fotografieren? Es ist dunkel, kurz nach neun, die Straßen fast leer. Ich folge ihrem Objektiv über die Fahrbahn, dorthin, wo unvermittelt eine Melodie herüberweht, von einer Akustikgitarre – etwas, das ich natürlich erkenne, auch wenn ich ein paar Sekunden brauche, um darauf zu kommen.
Achso. Klar. Einer der größten Metallica-Hits, von Gitarristen weltweit totgespielt. Den Charkiwer Musiker – wenn die Kamera-Einstellungen stimmen, wird er gleich auf Film eingefangen – kann ich kaum sehen, aber ich höre ihn. Seine Präzision wirkt hier leicht surreal, erst recht einige Sekunden später, als die Sirene des Luftalarms losheult und er dennoch weiterspielt, als ginge ihn das alles nichts an: Nothing Else Matters.
Ich bleibe mitten auf dem Bürgersteig stehen, dieses absurde Bild hält mich fest. Der Ton der Sirene, zwei Noten in endloser Schleife, brutal und durchdringend, würde jedes akustische Instrument übertönen. Ein unfairer Kampf – und doch gibt der Gitarrist nicht auf, spielt weiter, stur und unbeteiligt wie ein Shaolin-Mönch.
Ich sehe mich um – die Frauen mit der Kamera sind verschwunden. Sind wir wirklich nur noch zu zweit? Zwei Musiker; wir hätten hier und jetzt eine Band gründen können.
Aber nein, wir sind nicht allein. Wie hätte ich den dritten Kollegen übersehen können? Drei Meter hoch steht er auf dem Dach hinter mir: der stumme Geiger aus Bronze.
Diese Statue war mir stets ein Rätsel. Angeblich hat sie weder mit dem berühmten Chagall-Gemälde noch mit dem amerikanischen Musical zu tun. Die lokale Legende erzählt, sie sei von einem Konservatoriumsstudenten inspiriert worden, der seiner Geliebten nächtliche Dachserenaden darbrachte.
Auch wenn der Charkiwer Geiger nicht unbedingt an einen Shtetl-Juden erinnert, kann ich trotzdem nichts dafür: In meinem Kopf erklingen jedes Mal, wenn ich ihn sehe, die Klassiker aus Fiddler on the Roof. If I were a rich man… dadadadadada-jadadadadadadadadaaaa!
Jahrzehntelang stand im Zentrum Charkiws ein Lenin-Denkmal. Es gab eines für den russischen Liedermacher Wyssozki, und gleich gegenüber dem Punkt, an dem ich gerade stehe, befand sich ein Monument zur Etablierung der Sowjetmacht in der Ukraine. Außerdem besitzt die Stadt ein Fußball-Monument sowie einen Wasserbrunnen mit dreizehn Skulpturen musizierender Affen.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine Verbeugung vor dem Fiddler On The Roof gar nicht abwegig. Schließlich haben das Musical und seine literarische Vorlage einen direkten Bezug zur Ukraine: Scholem Alejchem wurde hier geboren, er lebte in Kyjiw, Odesa und Tscherniwzi, und die Handlung von seinem „Tevje, der Milchmann” spielt in Anatevka, einem fiktiven ukrainischen Dorf.
Meine Großeltern liebten Scholem Alejchem. Ich erinnere mich an die hellbraune Gesamtausgabe im Regal meiner Großeltern mütterlicherseits. Und laut meiner Mutter war auch der andere Großvater, den ich nie kennengelernt habe, ein Verehrer Alejchems. Er besaß dieselbe sechsbändige Ausgabe, musste sie jedoch in einer für die Familie schweren Zeit verkaufen – und das, so heißt es, fiel ihm sehr schwer.
Auch wir trennten uns von unserem Scholem Alejchem in den neunziger Jahren, kurz vor dem Umzug nach Deutschland. Manchmal träume ich in der Nacht von den alten Regalen, und im Traum verspreche ich mir, alle zurückgelassenen Bücher eines Tages wieder zusammenzuführen.
Sollten der Gitarrist und ich den bronzenen Geiger in unsere kleine Bandaufnehmen? Und was könnte ich in so einer Besetzung spielen? Träumen darf man – also sage ich: Kontrabass. In den letzten Jahren habe ich mich in den Klang dieses Instruments verliebt. Man hört ihn nicht nur, man spürt ihn im ganzen Körper.
Den Ton des Luftalarms erfasst ebenfalls den ganzen Körper, doch auf ganz andere Weise – ein kalter, von der Gefahr warnender Ton, von dem der Körper zu zittern beginnt und der einem den Magen zusammenzieht.
In vierzig Minuten ist Sperrstunde. Der Gitarrist wirft den Blick auf die Uhr, packt mit wenigen Handgriffen sein Zeug zusammen, und noch ehe ich es mit meinem widerspenstigen Koffer über die Straße geschafft habe, verschwindet er im U-Bahn-Eingang nebenan. Unsere Bandgründung wird wohl vorerst einmal verschoben. Schade! Kurz darauf meldet die App auf meinem Telefon das Ende des Luftalarms. Als ich zum Hotel hinübergehe, ist es ganz still, und während ich durch die leeren Straßen laufe, stelle ich mir die Frage, wie Charkiw heute eigentlich klingt.
Wenn mein Koffer nicht über den Bürgersteig klappert, wenn die Alarmsirenen schweigen, wenn russische Drohnen und Raketen den Himmel über die Stadt nicht zerschneiden, wenn Explosionen verstummen, klingt Charkiw wie das melancholische Gitarrenspiel der jungen Songwriterinnen, die ihre Lieder mitten im Blackout schreiben. Wie die Gedichte ukrainischer Autoren, die vor einem Jahrhundert hier lebten und zu früh verstummten – vertont von dem Lwiwer Barden Marjan Pyrig, der nach Charkiw gezogen ist. Wie die Stimmen der Musiker, die in den Krieg gezogen sind, wie Oleg Kadanov. Wie der Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Choir, der die Clubbühnen genauso rockt wie die Kirchen. Wie die sanften Schwingungen der Bandura von Oleksandr Savchuk, der einen Verlag gründete, um die vergessenen Namen der ukrainischen Kultur wieder in die Welt zu tragen.
Am Ende des vierten Jahres der Vollinvasion: verwundbar, aber unüberhörbar – Charkiw lebt, atmet und singt. Seine Stimmen sind bunt, kräftig, klar – and nothing else matters.
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2026


















